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Drucken 25.09.2003

Bilder fürs Synapsen-Bombardement

Mit dem DJ kommt der VJ – Videojockeys und ihre Lichtgebilde zwischen Gesamtkunstwerk und Partydeko

 

Rhythmisches Knöpfchendrehen – mehr gibt es bei elektronischer Musik nicht zu sehen. Verglichen mit dem Spektakel eines Rockkonzerts wirkt das Handwerk von DJs oder Live-Elektronikern dröge. Aber genau das passte ursprünglich einmal ins Konzept. Unvermittelte Sound-Intensität ohne Stars auf der Bühne als Medium: Das war das Programm, das die Vordenker der Elektronik-Bewegung ausriefen. Man musste nichts sehen, die Musik alleine war mächtig genug. Im Harry Klein, dem Nachfolgeclub des Ultraschalls, hat Techno doch Bilder gefunden. Auf zwei der Wände des Clubs trifft das Licht von zahlreichen Videobeamern. Synchron zum Beat flackern bunte Schemen: menschliche Körper schälen sich aus einem digitalen Gewitter, plötzlich flimmert eine monoton sich wiederholende Sequenz aus einem frühen Hollywood-Film im Raum. Eine lächerlich-fröhliche Tanzszene – aber die Tänzer wirken in ihren abgehackten Zuckungen zum harten Beat eher wie Freaks in einer Sideshow. Die Szenen passen zum Sound, aber mehr noch: Im Zusammenspiel entsteht etwas Neues, ein hybrides Klang-Licht-Gebilde.


Die Idee, Ton und Bild kurzzuschließen, ist alt. Im Jahr 1927 baute der Dadaist und Allroundkünstler Raoul Hausmann das „Optophon“: Auf eine leuchtende Mattscheibe projizierte er die Spektralfarben. Darauf angebrachte Photozellen wandelten die verschiedenen Helligkeiten in Geräusche um – Hausmann komponierte Bild und Ton zugleich. Das Patentamt weigerte sich, ein Patent auszustellen, wegen „völliger Nutzlosigkeit“. Die Stunde dieser nichtsnutzigen Bilder sollte erst 1969 schlagen. Damals baute der Videokünstler Nam June Paik seinen Videosynthesizer: ein monströses Gerät, das im Takt der Musik farbige Formen auf Monitoren entstehen ließ. Richtig in Fahrt geriet die Idee aber erst vor wenigen Jahren – seit erschwingliche Geräte auf dem Markt sind, die Bildbearbeitung in Echtzeit erlauben. Natürlich lag von Anfang an der Gedanke nahe, Techno zu bebildern. Denn elektronische Musik erzählt keine Geschichten, sie ist lediglich abstraktes Synapsen-Bombardement. Und genau das sind die Club-Visuals auch. Verantwortlich dafür ist der VJ, der Videojockey.


Beim Münchener VJ-Team „Highflyer“ beschaffen alle fünf Mitglieder Bildmaterial. Alte Kino- und Lehrfilme werden zerstückelt, Computeranimationen programmiert, Videokameras dienen als elektronisches Notizbuch und zeichnen Großstadtszenen auf. Diesen Stoff überblenden und verkeilen die „Highflyer“-VJs dann live im Club. Das Herz ihrer Anlage ist ein auffrisierter Panasonic-Video-Mixer. Er reagiert automatisch auf die Audio-Signale, mischt die Bilder im Takt. Aber die VJs suchen das Material aus, mit dem sie den Mixer füttern. Assoziativ geschehe das, erklärt Peter Becker, einer der Gründer des VJ-Kollektivs, das sich 1995 im Ultraschall-Umfeld bildete. „Wir reagieren auf die Stimmung der Musik und auf die Stimmung im Club“, sagt Becker. Wenn der Sound zum Beispiel hart und dunkel wird, arbeitet er gerne mit Bildern aus dem 60er-Jahre-Film „Planet der Vampire“, in dem die Raumfahrer enge, schwarze Lederanzüge tragen. Manchmal reagiere der DJ auch auf die Leinwand. „Dann beginnt die Rückkopplung, dann wird’s interessant.“


Im Freiraum der virtuellen Kunst bilden sich viele Stilrichtungen. Das VJ-Duo „Schönere Welt vs. Heiligenblut“ arbeitet leitmotivisch. Als sie vor kurzem eine Open-Air-Party in der Wildnis hinter dem Nymphenburger Schloss bebilderten, tauchte regelmäßig der gute alte röhrende Hirsch im elektronischen Dickicht auf. Durch eine Nacht mit dem Label „Erkrankung durch Musique“ jagten sie schicke alte Autos. Das passte zu dem Retro-Synthesizer-Style des Labels. Dagegen benutzt Frank Radefeldt alias „dark-glow-visuals“ neben Videomaterial auch Kameras, die er um die Tanzfläche installiert und damit das Publikum mit sich selbst konfrontiert.


Einzig die Gruppe „Double Visions“ arbeitet ganz anders, nämlich analog, mit Dias. VJ Roger Seal sagt: „Jeder neue Rechner macht heute prima 3D-Animationen, das langweilt. Ich glaube, die Leute sind übersättigt mit digitalen Bildern.“ Das Visual-Kollektiv benutzt Diaprojektoren, die wie ein Stroboskop den Club unablässig mit Architektur- und Pflanzenfotos, Alltagsaufnahmen, alten Werbe- und Magazinfotos oder mit Stills aus 70er-Jahre-Softpornos bombardieren. Die Bilder werden akribisch kombiniert. „Wir wollen nicht mit dem Zufall arbeiten. Uns geht es darum, mit Bildern das genaue Äquivalent zur Musik zu schaffen. Die Leute sollen sich damit beschäftigen.“ Und tun sie das? „Zumindest die, denen es nicht nur ums Saufen und Abschleppen geht“, sagt Roger Seal.


Einzig die Realität in den Clubs setzt der Virtualität oft Grenzen. Denn für Visuals ist meistens kein Budget da. Noch kommen nicht nachweislich mehr Leute wegen des Videojockeys in den Laden. Das Ambiente wirkt sich auch nicht unbedingt auf den Getränkekonsum aus. Deshalb begnügen sich viele Veranstalter damit, Monitore aufzustellen, auf denen Bilder von der Komplexität eines Bildschirmschoners laufen. Die VJs fühlen sich oft wie die Stiefkinder der Clubszene. „Wir stehen den ganzen Abend da, während der DJ nur zwei Stunden lang auflegt. Die dicke Gage bekommt dann aber er“, sagt Frank Radefeldt. Und Sven Steinmeyer alias „Schönere Welt“ erzählt von einem Kollegen, der aufhörte, weil er diesen Status „irgendwo zwischen Barmann und Klofrau“ satt hatte.


David Süß kennt diese Klagen. Er ist beides: Mitglied des „Highflyer“-VJ-Teams und einer der Betreiber des Harry Klein. Er weiß, wie knapp man rechnen muss, will man als Club überleben. Trotzdem hat er sich dafür entschieden, Visuals fest ins Programm zu packen. Im Harry Klein sind nun mindestens einmal die Woche verschiedene VJ-Gruppen zu sehen. Damit steht sein Club relativ konkurrenzlos da. In München gibt es sonst nur noch im Pathos, in der Kranhalle, im Musterraum, bald auch im neuen Club Garden mehr oder weniger regelmäßig Visuals. In anderen deutschen Großstädten wie Berlin, Frankfurt und Leipzig sind VJs neben DJs längst Programm. Früher oder später werden Live-Visuals Standard in Clubs. Schlicht aus dem Grund, weil auch Techno inzwischen Bilder braucht. Nach 15 Jahren reicht der unvermittelte Sound alleine nicht mehr, um im Strom der Gegenwart intensiv zu bleiben. (Kommenden Samstag im Harry Klein: VJ Kaundown, der Visualkünstler von DJ Console.)


PAUL-PHILIPP HANSKE





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Quelle: Flife  
 
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