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Rhythmisches Knöpfchendrehen – mehr gibt es bei elektronischer Musik
nicht zu sehen. Verglichen mit dem Spektakel eines Rockkonzerts wirkt
das Handwerk von DJs oder Live-Elektronikern dröge. Aber genau das
passte ursprünglich einmal ins Konzept. Unvermittelte Sound-Intensität
ohne Stars auf der Bühne als Medium: Das war das Programm, das die
Vordenker der Elektronik-Bewegung ausriefen. Man musste nichts sehen,
die Musik alleine war mächtig genug. Im Harry Klein, dem Nachfolgeclub
des Ultraschalls, hat Techno doch Bilder gefunden. Auf zwei der Wände
des Clubs trifft das Licht von zahlreichen Videobeamern. Synchron zum
Beat flackern bunte Schemen: menschliche Körper schälen sich aus einem
digitalen Gewitter, plötzlich flimmert eine monoton sich wiederholende
Sequenz aus einem frühen Hollywood-Film im Raum. Eine
lächerlich-fröhliche Tanzszene – aber die Tänzer wirken in ihren
abgehackten Zuckungen zum harten Beat eher wie Freaks in einer
Sideshow. Die Szenen passen zum Sound, aber mehr noch: Im Zusammenspiel
entsteht etwas Neues, ein hybrides Klang-Licht-Gebilde.
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Die Idee, Ton und Bild kurzzuschließen, ist alt. Im Jahr 1927 baute der
Dadaist und Allroundkünstler Raoul Hausmann das „Optophon“: Auf eine
leuchtende Mattscheibe projizierte er die Spektralfarben. Darauf
angebrachte Photozellen wandelten die verschiedenen Helligkeiten in
Geräusche um – Hausmann komponierte Bild und Ton zugleich. Das
Patentamt weigerte sich, ein Patent auszustellen, wegen „völliger
Nutzlosigkeit“. Die Stunde dieser nichtsnutzigen Bilder sollte erst
1969 schlagen. Damals baute der Videokünstler Nam June Paik seinen
Videosynthesizer: ein monströses Gerät, das im Takt der Musik farbige
Formen auf Monitoren entstehen ließ. Richtig in Fahrt geriet die Idee
aber erst vor wenigen Jahren – seit erschwingliche Geräte auf dem Markt
sind, die Bildbearbeitung in Echtzeit erlauben. Natürlich lag von
Anfang an der Gedanke nahe, Techno zu bebildern. Denn elektronische
Musik erzählt keine Geschichten, sie ist lediglich abstraktes
Synapsen-Bombardement. Und genau das sind die Club-Visuals auch.
Verantwortlich dafür ist der VJ, der Videojockey.
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Beim Münchener VJ-Team „Highflyer“ beschaffen alle fünf Mitglieder
Bildmaterial. Alte Kino- und Lehrfilme werden zerstückelt,
Computeranimationen programmiert, Videokameras dienen als
elektronisches Notizbuch und zeichnen Großstadtszenen auf. Diesen Stoff
überblenden und verkeilen die „Highflyer“-VJs dann live im Club. Das
Herz ihrer Anlage ist ein auffrisierter Panasonic-Video-Mixer. Er
reagiert automatisch auf die Audio-Signale, mischt die Bilder im Takt.
Aber die VJs suchen das Material aus, mit dem sie den Mixer füttern.
Assoziativ geschehe das, erklärt Peter Becker, einer der Gründer des
VJ-Kollektivs, das sich 1995 im Ultraschall-Umfeld bildete. „Wir
reagieren auf die Stimmung der Musik und auf die Stimmung im Club“,
sagt Becker. Wenn der Sound zum Beispiel hart und dunkel wird, arbeitet
er gerne mit Bildern aus dem 60er-Jahre-Film „Planet der Vampire“, in
dem die Raumfahrer enge, schwarze Lederanzüge tragen. Manchmal reagiere
der DJ auch auf die Leinwand. „Dann beginnt die Rückkopplung, dann
wird’s interessant.“
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Im Freiraum der virtuellen Kunst bilden sich viele Stilrichtungen. Das
VJ-Duo „Schönere Welt vs. Heiligenblut“ arbeitet leitmotivisch. Als sie
vor kurzem eine Open-Air-Party in der Wildnis hinter dem Nymphenburger
Schloss bebilderten, tauchte regelmäßig der gute alte röhrende Hirsch
im elektronischen Dickicht auf. Durch eine Nacht mit dem Label
„Erkrankung durch Musique“ jagten sie schicke alte Autos. Das passte zu
dem Retro-Synthesizer-Style des Labels. Dagegen benutzt Frank Radefeldt
alias „dark-glow-visuals“ neben Videomaterial auch Kameras, die er um
die Tanzfläche installiert und damit das Publikum mit sich selbst
konfrontiert.
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Einzig die Gruppe „Double Visions“ arbeitet ganz anders, nämlich
analog, mit Dias. VJ Roger Seal sagt: „Jeder neue Rechner macht heute
prima 3D-Animationen, das langweilt. Ich glaube, die Leute sind
übersättigt mit digitalen Bildern.“ Das Visual-Kollektiv benutzt
Diaprojektoren, die wie ein Stroboskop den Club unablässig mit
Architektur- und Pflanzenfotos, Alltagsaufnahmen, alten Werbe- und
Magazinfotos oder mit Stills aus 70er-Jahre-Softpornos bombardieren.
Die Bilder werden akribisch kombiniert. „Wir wollen nicht mit dem
Zufall arbeiten. Uns geht es darum, mit Bildern das genaue Äquivalent
zur Musik zu schaffen. Die Leute sollen sich damit beschäftigen.“ Und
tun sie das? „Zumindest die, denen es nicht nur ums Saufen und
Abschleppen geht“, sagt Roger Seal.
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Einzig die Realität in den Clubs setzt der Virtualität oft Grenzen.
Denn für Visuals ist meistens kein Budget da. Noch kommen nicht
nachweislich mehr Leute wegen des Videojockeys in den Laden. Das
Ambiente wirkt sich auch nicht unbedingt auf den Getränkekonsum aus.
Deshalb begnügen sich viele Veranstalter damit, Monitore aufzustellen,
auf denen Bilder von der Komplexität eines Bildschirmschoners laufen.
Die VJs fühlen sich oft wie die Stiefkinder der Clubszene. „Wir stehen
den ganzen Abend da, während der DJ nur zwei Stunden lang auflegt. Die
dicke Gage bekommt dann aber er“, sagt Frank Radefeldt. Und Sven
Steinmeyer alias „Schönere Welt“ erzählt von einem Kollegen, der
aufhörte, weil er diesen Status „irgendwo zwischen Barmann und Klofrau“
satt hatte.
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David Süß kennt diese Klagen. Er ist beides: Mitglied des
„Highflyer“-VJ-Teams und einer der Betreiber des Harry Klein. Er weiß,
wie knapp man rechnen muss, will man als Club überleben. Trotzdem hat
er sich dafür entschieden, Visuals fest ins Programm zu packen. Im
Harry Klein sind nun mindestens einmal die Woche verschiedene
VJ-Gruppen zu sehen. Damit steht sein Club relativ konkurrenzlos da. In
München gibt es sonst nur noch im Pathos, in der Kranhalle, im
Musterraum, bald auch im neuen Club Garden mehr oder weniger regelmäßig
Visuals. In anderen deutschen Großstädten wie Berlin, Frankfurt und
Leipzig sind VJs neben DJs längst Programm. Früher oder später werden
Live-Visuals Standard in Clubs. Schlicht aus dem Grund, weil auch
Techno inzwischen Bilder braucht. Nach 15 Jahren reicht der
unvermittelte Sound alleine nicht mehr, um im Strom der Gegenwart
intensiv zu bleiben. (Kommenden Samstag im Harry Klein: VJ Kaundown,
der Visualkünstler von DJ Console.)
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